Pipoca on tour    



Also, eigentlich begann unser Törn schon lange, bevor er begann. Das ist wohl immer so! Es gibt die Begeisterung für's Segeln, dann entsteht der Traum „wie wäre es, wenn…“, und plötzlich sieht man das Boot, seetauglich, robust, günstig, fast so alt wie ich selbst. Ach, ein bisschen Arbeit, und das Rentnerdasein ist blumig geworden. Na ja, wird vielleicht etwas mehr an Arbeit. Muss meinen A… halt etwas höher kriegen. Wird schon klappen! Hab ja so viel Zeit! Und Ute wird dabei sein – klasse! Und die Infos kriegen wir schon.


Am 21.\22.  Januar waren wir auf der Boot-Messe in Düsseldorf auf einem Blauwasser-Seminar. Die Reise- und Erfahrungsberichte von Langfahrtseglern haben uns den letzten Kick gegeben und die Entscheidung war gefallen: Wir  wollen uns auf eine einjährige Segelreise begeben. Ich hatte Glück und mir wurde, nach sehr langem Hin und Her, ausnahmsweise, ein Schuljahr Sonderurlaub genehmigt.
Im letzten Jahr gab uns ein Stegnachbar ein Buch mit einer Reisebeschreibung  der Nordatlantik-Rund-Tour. Das schreibende Paar hatte gerade erst ihren Segelschein gemacht und wagte sich direkt auf eine  Langfahrt, das hat mich beeindruckt. Ein Satz ist mir hängen geblieben: „Seit dem Zeitpunkt der Entscheidung, hatten wir keine Zeit mehr.“ So ist es uns auch gegangen, wir schrieben „To-do-Listen“ auf denen 300 Dinge standen, die besorgt oder erledigt werden mussten. Das Abarbeiten der Listen wurde mit Pleiten, Pech und Pannen begleitet.  Es gipfelte darin, dass wir zum geplanten Abfahrtstermin nach einem halben Jahr immer noch keine Schiffsversicherung hatten, sich zu Hause Ratten im Keller  eingenistet haben und uns ständigen Stromausfall bescherten und Hartmut nach dem ersten Tag seiner Abfahrt am 27.06.2017  das Schiff schon wieder am nächsten Tag aus dem Wasser holen musste. Die in Stavoren frisch eingefasste Ruderdichtung ließ Wasser ins Schiff. Seitdem lässt sich das Ruder nur noch schwer bewegen.






                                                      Die Arbeiten vor der Abfahrt

                                                     Nach 2 Tagen musste das Schiff wieder raus.



Der 27.Juli, um 11.36 Uhr -Ute hat das minutiös festgehalten- starteten wir, Hartmut und Hartmut (auch bekannt unter dem Titelnahmen Hartmaat) unsere gemeinsame Anfangstour. Von Holland, über Amsterdam in die Nordsee! Und dann Wasser, Meer, mehr Meer… Die Vorstellung war genial. Nur die Wirklichkeit sah etwas bescheidener aus! Wir starteten mit Problemen. Wasser im Schiff, ein spinnender Autopilot, der partout seinen Kurs rundum fahren wollte etc., zwangen uns zu ersten Stopps für Reparaturen. Aber Neues haben wir dennoch erlebt: ich war wohl schon 40 mal in Medemblik, aber noch nie in den Vierteln, in denen die Werkstätten versteckt sind. Na ja, etwas verunsichert über den Schiffszustand beschlossen wir erst einmal einen lockeren Start des Atlantiktörns – die Fahrt durch die Stande Mast Route nach Vlissingen. Binnen!
Ich hatte Hartmaat ja viel Segeln versprochen – das war schon mal das Erste, was ich nicht wahr machen konnte! Um es vorwegzunehmen: seit dem Start im Ijsselmeer ist unsere Richtung Kompass unabhängig! Wir müssen immer dahin, wo der Wind herkommt = immer gegenan! Und das ist so geblieben, in Holland, in Belgien und auch in Frankreich!












Ostende. Logbuchauszug: Der Ort Ostende ist wirklich das Letzte -ist wahrhaftig sehenswert!  Zur Abschreckung – riesiger Strand vor breiter Promenade (30-50m), vor unendlichen Hochhaus Blocks, Massentourismus! Wer's mag, dem bietet sich alles für die Kurzweil. Nachts ist es im Hafen zum Glück ruhig.  Kaffee Trinken hat fast venezianisches Niveau!
Am 15.7.2017 stieg ich in Dünkirchen dazu. Endlich ging es auch für mich los!
Crewwechsel! Hartmaat muss nach Köln. Na ja: gesegelt sind wir ja auch ein bisschen, oder?





Und das ist für ein Jahr unser Zuhause, es ist nicht so, dass es uns an Räumen mangelt. Wir haben auf unserer Moody 346 mit 10,50 m Länge und 3,50 m Breite ein Schlafzimmer (Achterkabine), Wohnzimmer (Salon), Gästezimmer (Bugkabine), Bad mit Dusche, eine Küche und die Terrasse (Cockpit), nicht zu vergessen unseren Trimmpfad (das Laufdeck umherum), und den großen Pool!!















Die ersten Städte Dünkirchen, Bologne sur mehr und Calais sind nicht wirklich schön. Wir haben mit ständigem meist starken SW oder W-Wind zu kämpfen, also genau die Richtung, in die wir fahren wollen. Da der Tidenstrom nur 6 Stunden mit uns läuft, mussten wir häufig gegen Wind und kabbelige See motoren. Bisher konnten wir uns immer auf unseren Motor verlassen, bis er plötzlich kurz vor Le Havre fast aussetzte. Wir schlichen die letzten Meilen und retteten uns noch in den Hafen. Im Hafenbecken bin ich dann erstmals getaucht und habe die Schraube vom Seetang befreit, puh, zum Glück keinen Motorschaden.





Die häufig sehr starken Winde ließen uns in den schönen Städten Dieppe, Fecamp und Caen verweilen, geschichtsträchtige Orte, mit vielen riesigen Kirchen aus dem 11. Jahrhundert, noch aus der Epoche von William the conquerer, dessen Erinnerung überall präsentiert wird.


Dieppe: schon die Ankunft! Logbuch: 17.45,vor dem Hafen ist die Ampel auf Rot! Dümpeln im Strom mit 7 Schiffen, es funkt,“ warum ist der Hafen geschlossen?“ Antwort: „sie können nicht raus“, wir: „ wir wollen rein!“, „sie können nicht raus – die Fähre“. Frage:“wie lange?“, „sie können nicht raus!“. Gut so – die Fähre ist groß und dampft. Aber sie bewegt sich nicht. Uns alle schmeissen die Wellen rum. Die Ersten fahren einfach mal in den Vorhafen – die Fähre bleibt liegen – wir hinterher. Dann über Funk: „die Fähre wartet!“  Es wird grün! Der Grund…?

Schöner Platz, netter Ort. Nur: die Möwen!!! So laut hab' ich sie noch nie gehört. 23,5h am Tag. Und ihr Meetingsplatz ist quasi neben unserem Boot! Die quatschen rum – immer fliegen 2 weg (von 20),  verabschieden sich lautstark – alle grüssen noch mal – 2 Neue kommen – Begrüssung – Austausch von Neuigkeiten im gesamten Rund – fliegen um ein Haus – manchmal holen sie im Sitzen Luft – dann kommen die braunen Jungvögel – und denen werden erst einmal lautstark die Leviten gelesen!

Und überall  die schrecklichen Kriegsorte  und Ereignisse aus dem 2. Weltkrieg, die einem wieder Schuldgefühle hochkommen lassen.
                                             Wir kauften uns sogar einen Selfie-Stick!






So ganz will man uns nicht zur Ruhe kommen lassen, Hartmut will im Logbuch schon eine Rubrik „Unbill des Tages“ einrichten. Zwei Themen begleiten uns  seit der Abreise.

Mit Kommunikationsmitteln sind wir eigentlich gut ausgerüstet, zwei Handys, zwei Tablets, ein Laptop. Jeder Hafen hat freies Wifi, wichtig für das Abrufen des Wetters, für Mails, Online banking, na ja, und für die Kommunikation mit den Lieben. Aber es gelang uns mit den androiden Geräten nicht ins Netz zu kommen, auch nicht mit Hilfe junger netter Hafenmitarbeiter. In Dieppe ließen wir uns im Telefonshop Orange beraten. Dort meinte man, Handys mit deutschen Telefonkarten können kein französisches Wifi empfangen. Der freundliche Monsieur verkaufte uns eine französische Telefonkarte fürs Tablet, für 40 Euro nur für den Internetzugang. Leider ohne Erfolg. Im nächsten Orange Shop in Frecamp meinten mehrere zunehmend genervte Berater, wir bräuchten einen Reiserouter für 60 Euro und außerdem könne man keine französischen Karten in deutsche Tablets und Handys verwenden, die seien nicht kompatibel. So what? Bei Orange in  Le Havre war davon keine Rede mehr, die Störung auf dem Tablet wurde behoben und plötzlich kamen wir im Hafen auch mit den anderen Geräten ins Netz. Warum wissen wir nicht, vielleicht waren vorher zu viele Leute im Internet, nur die Aussagen der Orange-Berater grenzten an einen Schildbürger-Streich.

Im großen Buch wird von der Erschaffung der Welt und des Guten berichtet! Dass es auch eine Erschaffungphase der anderen Seite gab, wird immer übergangen: und Luzifer sah, das der Mensch bequem und zufrieden war. Da erschuf er, am 8. Tag, das Fahrrad.

Ursprünglich wollte Hartmut gar kein Fahrrad mitnehmen,  da auch klappbare Fahrräder sperrig sind und zu viel Platz einnehmen. Eines haben wir uns dann aber doch gekauft. Nur zum rumtouren für Ute und vielleicht zum Einkaufen. Kaum an Bord, bemerkte Hartmut, wie bequem das Leben sein kann, wenn man nicht jeden Meter an Land rumhumpeln muss.

Ein schönes Rad! Alu, der Rahmen – günstig der Preis. Aber alle Anbauteile rosten still vor sich hin. Und die Speichen sind weich. Und mein Gewicht? Und dann hat es 20“ Räder mit 3-Gang Nabe. Dafür musst du erst mal Speichen im Antiquariat finden (O-Ton eines französischen Monteure)

 Aber schon in Holland verlor Hartmut immer wieder mal eine Speiche, in Holland, dem Land der Fahrradfahrer, kein Problem. Seit Bologne sur mer sind wir nach jedem Anlegen auf der Suche nach einem Telefonladen und einem Fahrradladen. Frankreich ist zwar das Land der Tour de France aber Fahrradläden vestecken sich in den letzten Ecken einer Ortschaft. Intersport und Decathlon liegen immer weit abseits im Gewerbegebiet, manchmal mit Bussen zu erreichen.  Da Hartmut immer fuhr und ich daneben laufen musste, haben wir und zu einem Zweiten entschieden – Platz hin oder her. In Dieppe habe ich bei Intersport das letzte klappbare Fahrrad ergattert. Es macht riesigen Spaß gemeinsam mit den Fahrrädern die Gegend zu erkunden. Auch das Einkaufen ist einfacher. In Fecamp verlor Hartmut wieder eine Speiche und kurz darauf platzte der Reifen. Ich ackerte mit dem Reifen am Lenker 7 km nur den Berg rauf zum Intersport. Reifen neu, aber eine passende Speiche, eine weitere ist ab, suchen wir bis heute vergeblich. Scheint keine gängige Größe zu sein. Bei der Abfahrt brach mir auch noch die Bremse, eine Schweißnaht war gebrochen. Eigentlich ein Garantiefall, doch nach Dieppe  kommen wir nicht zurück. In Le Havre fuhr ich eine Stunde mit dem Bus zum nächsten Intersport. Dort war doch kein Ersatz da, obwohl ich vorher vom Touristen Büro habe anrufen lassen. Also wieder mit dem Bus zurück: Aber halt, Fahrräder sind im Bus strikt verboten, auch wenn sie zusammen gelappt sind, es sei ja immer noch ein Fahrrad. Hartmut wurde in Dieppe schon aus dem Bus geworfen. Ich versuche dann immer hinten einzusteigen. Doch auf der Rückfahrt war's knapp, fast wäre der Busfahrer handgreiflich geworden. In Cherbourg habe ich mir eine neue Gabel bestellt. Dann  hatte ich Glück: Ein Kunstschweißer hat mir den Bremshebel wieder angeschweißt. Eine Idee eines Kunden im 5 . Fahrradgeschäft in Le Havre.  Und in Caens meinte ein Blödmann während einer Kirchenbesichtigung Hartmut Fahrradsattel aufschlitzen zu müssen. Und nun der Abschluss der Geschichte: In Cherbourg konnte endlich  die Gabel ausgetauscht werden und wurde als Garantiefall bearbeitet und der findige Fahrradreparateur  hat zwei Speichen an Hartmut Fahrrad angepasst. Jetzt hoffen wir auf pannenfreie Fahrten.


Auf unserer ersten  Nachtfahrt haben wir Cherbourg erreicht und warten den erneuten Starkwind ab bis wir die Kanalinseln ansteuern können.


Aber sonst geht es uns gut, wir schlafen nach den stressigen Monaten wie die Murmeltiere und freuen uns morgens auf das frische Baguette. Wir erwarten mit Freude die nächsten Segeltage und sind gespannt was wir die nächsten Wochen erleben!



                                                                       Waschtag






Kommentare

  1. So nah als wäre man dabei, weiter so, dann fahre ich als Nicht-Rentner auch ein Stück mit.

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  2. I
    Sehr gut, gefällt, bloß nicht einschlafen lassen, ist auch ein gutes Tagebuch für euch selber später!

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  3. Läuft ja alles glatt!!! Ein bißchen mehr Ohnmacht, Verzweiflung.. Drama ..fesselndes in der Schilderung wäre gut für meine Abenteuerseele!!! Gruß Alfred

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  4. Habe einen Eintrag an anderer Stelle hinterlassen! !!! ???

    Passt auf euch auf.
    LG Irene und Rüdiger



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